„Die brennen gut!“ Der alltägliche Antisemitismus an Hamburger Schulen: Ein Lehrer* bricht das Schweigen (Langversion)

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Antisemitismus an Hamburger Schulen

„Du Jude“, „Scheiß Jude“… diese hasserfüllten Äußerungen sind keine Seltenheit an Schulen – jedenfalls nicht nach meiner Erfahrung. Ich bin seit vielen Jahren Lehrer. Nein, nicht in Sachsen oder Thüringen, dort – so unterrichteten uns die Medien – wohnen doch die genetisch determinierten Nazis….das rechte Pack.

Ich sitze auch nicht vor blonden und blauäugigen Jungen und Mädchen, deren Zöpfe vielleicht auf eine völkische Erziehung hindeuten könnten. Alle diese menschenverachtenden Äußerungen habe ich ausschließlich von muslimischen Jungen gehört. Soweit mir bekannt, war es nie ein Junge aus Palästina; es waren in Deutschland geborene Kinder, meist aus türkischen Familien. Also lässt sich auch nicht vermuten, es könne sich um Kinder handeln, die von Kriegs-Traumata geprägt sind. Vor etlichen Jahren hatte ich einen türkischstämmigen, aber hier geborenen Jungen in meiner Klasse, der öfter mit antisemitischen Äußerungen daherkam. Auf seiner Jacke prangte ein Sticker der „Graue Wölfe“, der Nationalsozialistischen Bewegung in der Türkei. Als wir in Geschichte den Film „Schindlers Liste“ sahen, lachte er und sagte „Die brennen gut!“

Im Biologieunterricht an der gleichen Schule fragte mich ein Junge plötzlich: „Sind sie Christ?“ „Ja!“, antwortete ich. „Trinken sie auch Wein?“ „Ab und zu, wieso fragst Du? „Wussten sie, dass die Juden sie dazu verführt haben. Die haben nämlich auch die Bibel gefälscht!“ Ich war völlig sprachlos, fast schon ungläubig dessen, was ich gerade gehört hatte. Auf meine Frage hin, wo sie denn all diesen „Blödsinn“ lernen, kam die Antwort: „Das hat uns unser Hodscha erzählt“. Dazu kam noch die Begründung, dass dieser Mann niemals Blödsinn erzählen könnte, weil er doch so viele Bücher liest. Mir fiel nur im Zorn ein zu entgegnen, dass die Anzahl der Bücher oder die Lektüre überhaupt kein Merkmal für Weisheit und Klugheit sei. Viele Nazis hatten studiert: Goebbels zum Beispiel. Ein typischer Hanswurst, so würde Arendt vielleicht sagen. Aber einer, der das Grauen über die Welt gebracht hat.

In dieser Nacht konnte ich schwer schlafen, hatte ich doch den Hodscha mit Goebbels auf eine Stufe gestellt. Instinktiv war mir klar, dass die beiden Herren eine große Ähnlichkeit hatten, doch muss man als Lehrkraft sehr vorsichtig mit dem sein, was man sagt. Eine Anzeige durch Eltern oder einen kosmopolitischen Hodscha, welche einem Rassismus vorwerfen, kann das Ende bedeuten. Aber die Erinnerungen gehen noch weiter: Ein Schüler zeigte mir mal im Unterricht ein Stück Kohle und fragte: „Wissen sie, was das ist? – Ein toter Jude!“ Diese Problematik zeigte sich nicht an allein meiner Schule; während einer Hospitation an einer anderen Schule in einer 5. Klasse hörte ich es wieder: „Du Jude!“

Aber dieser Alltagsrassismus beschränkt sich nicht allein auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, so gibt es auch eine rassistische Kategorie für den Rest der Menschheit: „Du Lauch!“ Ein Zwiebelgewächs, zu dem auch der allseits beliebte Knoblauch zählt

Dieses Zwiebelgewächs symbolisiert Schwachheit, Ehrlosigkeit, den Verlierer/die Verliererin. Die Bezeichnung: „Du Kartoffel“ klingt dabei schon fast humoristisch und zärtlich.

Die Schulleitung auf diese Probleme angesprochen, reagierte ablehnend: Warum man sich denn so auf diese Sache versteifen würde, war die alles vernichtende Frage. Die vermutete Steigerung dahinter wollte ich nicht auch noch hören. Zumal ich die Reaktion schon von einer Konferenz her kannte. Damals ging es um die Auswahl einer Lektüre für den Deutschunterricht in der Mittelstufe. Mein Vorschlag war die Geschichte einer jungen Muslima in Paris zu lesen, die sich aus ihrer beengten Welt befreien will und entdeckt, dass die Anderen eben nicht das Verruchte sind, sondern Menschen wie du und ich. Die spöttische Antwort – keine echte Frage – kam sofort: Ob ich mir den Probleme einhandeln wolle, so war in etwa der Wortlaut.

Kurze Zeit später hingen an unserer Schule Plakate aus. Dort bot der SPD-Politiker Nils Annen an, in die Schule zu kommen, um über den „Kampf gegen rechten Faschismus“ zu referieren und Anregungen zu liefern für die schulische Arbeit. Ich erinnere noch, wie ich schmunzelnd vor dem Plakat stand. In all den Jahrzehnten meiner Existenz in Hamburg, war mir noch nicht ein Nazi in Bomberjacke und Springerstiefeln begegnet. Wohl aber in den ersten Jahren meiner Tätigkeit als Lehrer – nur eben nicht der, den Herr Annen bekämpfen wollte. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ja, es gibt diese Sorte Mensch bei den Deutschen; zum kritischen Denken unfähige Wesen; Menschen, die es nicht verdienen, den Pass dieses Landes tragen zu dürfen. Aber die persönliche Gefahrenbeurteilung von Herrn Annen erschien mir sonderbar. Also schrieb ich eine Mail, in der ich Herrn Annen auf das Problem des lebendigen Antisemitismus hinwies und um Hilfe bat. Vielleicht wäre es möglich ein Projekt zu erarbeiten, welches sich mit dem akuten Problem beschäftigt?! Es kam keine Antwort. Dieselbe Mail versendete ich einige Wochen später ein weiteres Mal. Wieder keine Antwort.

Heute erahne ich, was das Problem war und weiterhin ist: Es ist einfach ungefährlich und zudem medial spektakulär, wenn man sich die schillernde Rüstung im Kampf gegen den deutschen Nazi anzieht. In Hamburg wäre das Risiko für einen Politiker gleich Null, bei seinem Kampf auf einen aggressiven, blonden, jungen Schüler zu treffen, der faschistoides Gedankengut als Denkvorlage hat. Es ist heutzutage sehr leicht und wenig gefährlich ein „Antifaschist“ zu sein! Vielleicht schießen deshalb auch so viele junge Antifaschisten wie Pilze aus dem Boden? Man zieht sich eine schwarze Uniform an, reiht sich mit Gleichgesinnten in einen Stoßtrupp und schwenkt Antifa-Fahnen. Zwischendurch erscheint dann auch mal eine Fahne, auf der zum Boykott des imperialistischen Israels aufgerufen wird – oder es werden Flugblätter verteilt (siehe unten). Da haben wir es wieder, das: DEUTSCHE, KAUFT NICHT BEI JUDEN!

Aber natürlich sind diese jungen Menschen keine Nazis, nein. Und ihre Bewegung ist auch keine SS-Nachfolgeorganisation. Momentan sind es Jugendliche, die endlich einmal politisches Engagement zeigen, so würden vielleicht unsere Politiker argumentieren.

Dieses Land braucht Menschen, die in der Schule zum kritischen und umfassenden Denken aufgefordert werden. Das erfordert ein Lehrpersonal – und vor allem eine Schulbehörde -, die keinen Bogen um gefährliche Thematiken macht. Schule muss zu einem Ort werden, an dem provokativ das eigene Denken immer wieder hinterfragt wird. Wir brauchen junge Menschen, die in der Lage sind „Ohne Geländer zu denken“ (H. Arendt); die sich also nicht auf ideologische Konstrukte von Rasse, Religion oder Politik stützen. Für Hannah Arendt ging die größte Gefahr von gedankenlosen Menschen aus. Anstatt also zum endlosen Male Bücher zu lesen, wie z. B. „Damals war es Friedrich“, sollten wir in den Schulen Bücher lesen, wie „Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ von Harald Wälzer. Wenn wir in den Schulen ein Problem mit Antisemitismus haben, dann bringt es wenig Literatur zu studieren, die eine Perspektivenübernahme zur Grundlage haben, den dazu bedarf es Offenheit. Wir müssen den jungen Menschen zeigen, mit welchen simplen Taschenspielertricks Empathie und eigenes Denken ausgeschaltet wird. Im besagten Buch wird eine Passage beschrieben: Heute noch hat der SS-Mann eine jüdische Freundin, morgen, so weiß er, wird er ihr in den Kopf schießen. Diese Gefahr steckt in jedem von uns! Aber es gibt auch wirksamen Schutz dagegen! Es muss Schluss sein mit einer Schule, die erziehen soll, aber sich nicht traut, echte Probleme mutig anzugehen. Psychologie sollte zu einem verbindlichen Unterrichtsfach ab Jahrgang 5 werden.

Statt Kinder auf die Straße zu schicken, um gegen eine wissenschaftlich kontroverse Sache wie die menschengemachte (?) Klimaerwärmung zu demonstrieren, sollten wir uns realen alltäglichen Problemen widmen: Es sind jüdische Kinder, die von deutschen Schulen flüchten, wir haben eine Massenflucht von jüdischen Mitmenschen aus ihrer europäischen Heimat.

Wir brauchen keinen Heiko Maas, der in Israel medienwirksam Yad Vashem besucht, in Deutschland aber weiterhin dieser Massenflucht zusieht. Deutschland braucht keine Politiker und Politikerinnen, die eine wertlose symbolische Politik betreiben. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! (1. Johannes 2,1-6)

Im letzten Jahr war ich an meiner Schule in einer 5. Klasse zur Vertretung. In der Rangelei um einen Stift fiel es wieder: Eh, du Jude“! Ich bin zu dem kleinen Kerl hin, der siegreich seinen Buntstift in der Hand hielt. „Was hast du gesagt?“ Große, leicht verwirrte Augen: „Was, wieso?“ „Du hast Jude als Schimpfwort benutzt“, so meine Antwort. „Aber ich hab sie doch gar nicht gemeint!“ „Doch, ich bin Jude!“ Jetzt tat sich etwas im Gesicht des Jungen, aber es war weniger das Gefühl von Schuld und Reue, nein, es war der Ausdruck: Mist, jetzt gibt´s richtig Ärger. Ein Gespräch offenbarte die Situation zuhause: Niemand hatte jemals je einen echten Juden getroffen; man guckte Fernsehen und die Männer schimpften über Juden und Israel. Am Ende kam die Frage: „Sind sie wirklich Jude?“ „Ja, bin ich!“

In Wahrheit bin ich Christ, aber das spielt absolut keine Rolle. Wir brauchen eine MeToo-Bewegung in Deutschland für unsere jüdischen Mitmenschen. Wir müssen uns nebeneinander stellen und ein Zeichen setzen für all jene, die glauben, sie hätten ein irgendwie geartetes Recht auf ihr krankes Denken. Wir müssen ihnen zornig entgegentreten und sagen „Stop“. Zorn ist gerecht, Hass ist destruktiv. Und wir müssen aufhören, diejenigen muslimischen Frauen und Männer zu diffamieren, die dieses Problematik mutig ansprechen. Sie sind mutiger als wir!

Warum ich diesen Erfahrungsbericht über ein Portal der AfD veröffentliche? Weil es keine andere Partei in Deutschland gibt, die dieses Problem massiv anspricht. Woanders werde ich nicht gehört. Spricht man diese Problematik an, dann bemerkt man gleich, in welche Richtung man gedrängt wird…. unnachgiebig…. und mit kollektiver Gewalt.

Und dann frage ich mich, wie verrückt es ist, dass man als Deutscher im 21. Jahrhundert erneut einem Risiko ausgesetzt ist, gesellschaftlich ruiniert zu werden, wenn man ein Problem benennt, welches viel akuter ist als Dieselabgase und Kohlendioxidwerte: Es betrifft unsere jüdischen Mitbürger, es betrifft deren Kinder. Und dann, ja genau dann, schäme ich mich, das ich Deutscher bin.

*Der Autor ist der UNS HAMBURG Redaktion namentlich bekannt. Er unterrichtet an einer
Hamburger Stadtteilschule.

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